25 Jahre nach Tschernobyl, Teil II - Die Liquidatoren

von Jürgen Kreller 7. März 2011

Nikolaj Bosyj hält viele Grabreden. Sehr viele. Als Kommandeur des Sonderbataillons 731 hat er in Tschernobyl 353 Reservisten befehligt. Zu ihrem letzten großen Treffen vor drei Jahren kamen nur noch 84 von ihnen. 20 waren zu krank. Die meisten anderen – tot.
Nikolaj Bosyj spricht auch heute noch von “meinen Soldaten“, wenn er von den Rettungskräften, den so genannten Liquidatoren, erzählt. 25 Jahre nach dem Super-GAU fühlt er sich immer noch für sie verantwortlich, kämpft dafür, dass sie ein wenig mehr Geld kriegen oder endlich eine andere Wohnung. Vier von ihnen treffen wir in seinem Wohnzimmer. Vier Männer, die dazu beigetragen haben, eine drohende noch größere Katastrophe zu verhindern.
Viktor war damals 29. Er hat noch in der Nacht erfahren, dass er zum Reaktor muss. Nur für einen Tag, hieß es. In Uniform sind er und die anderen angekommen. Die Männer vom Sonderbataillon 731 mussten in der Nähe des Kraftwerks die Hubschrauber beladen, die Sand und Blei in den Reaktor fallen ließen. Damit – so die Hoffnung – sollte die Kettenreaktion in Block IV gestoppt werden. Doch die Temperatur wollte und wollte nicht sinken, sie mussten weitermachen. Die Leiter standen vor ihnen mit Tränen in den Augen: “Jungs, haltet durch!” Aus einem Tag wurde eine Woche. 16 Stunden pro Tag 70 Kilo schwere Sandsäcke herumwuchten. Bei voller Bestrahlung. Mykola war damals 22. Die Ingenieure des Havarie-Meilers hatten entdeckt, dass Kühlwasser in den Kern des Reaktors gelangen könnte.
Damit drohte eine Explosion, die auch die Blöcke I bis III in Tschernobyl hätte zerstören können, und damit eine Verseuchung von Moskau bis Prag. Die Liquidatoren wurden zum Appell gerufen. Als einer der ersten fünf trat Mykola vor. Freiwillig. Mit anderen robbte er sich zum Reaktorkern, schleifte die Rohre mit sich, mit denen das Kühlwasser schließlich abgepumpt werden konnte. Europa hat diesen Männern sehr viel zu verdanken.
Wolodymyr war damals 21. Er musste zusammen mit anderen die hoch radioaktiven Grafitbrocken weggeschaffen, die bei der Explosion aus dem Reaktor geschleudert worden waren. Das Grafit musste weg, damit der Sarkophag gebaut werden konnte. Die Männer haben zwischen Block III und Block IV die Brocken mit Spaten und Schaufeln zusammengetragen – ohne Schutzkleidung, ohne Gasmaske. Heute arbeitet Wolodymyr als Rechtsanwalt. Weder seinen Kunden noch seinen Kollegen erzählt er von seiner Arbeit als Liquidator. Es wäre ihm peinlich.
Anatoli war damals 30. Nach Tschernobyl war er schon so oft schwer krank, dass kein Arbeitgeber ihn noch nehmen will. Wie die anderen kriegt er eine kleine Behindertenrente. Anatoli sagt, die Situation sei paradox: “Viele denken, der Sarkophag ist drauf, die Tragödie ist zu Ende – aber für uns dauert Tschernobyl an.” Eine Woche lang mussten sie damals in Zelten in der verstrahlten Kleidung schlafen, es gab nichts anderes. Mit ihm im Zelt war damals Oleksandr. Kurz vor Sylvester ist er gestorben. Und Nikolaj Bosyj hat die Grabrede gehalten.