25 Jahre nach Tschernobyl, Teil III – Die Kinder

von Jürgen Kreller, 15. März 2011

Vergangener Freitag. Abschluss der Reise der niedersächsischen Stiftung „Kinder von Tschernobyl“ bei der weißrussischen „Freundschaftsgesellschaft“ in Minsk. In das Treffen platzt die Nachricht: In Japan brennt ein Atomkraftwerk. Alle sind fassungslos. Alle sind sprachlos. Seither haben sich die Ereignisse in Japan überschlagen. Niemand kann abschätzen, was noch passieren wird. Die ganze Welt schaut in diesen Tagen nach Japan – und auch nach Tschernobyl.
Eigentlich wollten wir 25 Jahre nach Tschernobyl kurz vor dem Jahrestag im April auf die Katastrophe in der Ukraine blicken. Auf den Reaktor, auf die Liquidatoren, auf die Menschen im Katastrophengebiet. Eine lange geplante Reise. Doch jetzt muss es sofort passieren. Wir gingen nach unserer Rückkehr am Samstag sofort in den Schnitt. Am Mittwoch soll die Reportage fertig sein, um 22:35 Uhr im NDR Fernsehen laufen. Ein Schwerpunkt sind die Kinder von Tschernobyl. Nach der nuklearen Katastrophe haben sie besonders stark gelitten.
Zum Beispiel Natalia. Sie war damals zwei Jahre alt, hat zwei Jahre bei ihrer Oma im verstrahlten Gebiet gelebt. Wir treffen sie zufällig in der nationalen weißrussischen Kinderkrebsklinik in Minsk. An diesem Tag wird sie hier zum 182. Mal untersucht. Unfassbar. Sie leidet an einem erworbenen Immundefizit. Jede kleine Erkältung wird für sie zum großen Problem. Eigene Kinder wird sie nie bekommen können.
Zum Beispiel Anja. Sie kam Jahre nach Tschernobyl auf die Welt. Ihr fehlen mehrere Rippen. Die 14-jährige sitzt in sich versunken am Rand ihres Bettes. Sie kämpft ständig mit Lungenentzündungen. Ihre Ärztin im Kinder-Krankenhaus in Gomel sagt, es sei nicht eindeutig nachweisbar, dass Anjas Leiden auf Tschernobyl zurückzuführen seien. Und zugleich weist die Ärztin darauf hin, dass Anja im Katastrophengebiet geboren ist. Nicht in Russland, nicht im weit entfernten Kasachstan.
Zum Beispiel Rita. Vor drei Jahren wurde bei ihr ein Nierentumor festgestellt. Kurz danach war klar, dass viele Organe von Tumoren befallen sind. Ihre Mutter hat damals nach der Katastrophe von Tschernobyl Häuser in der Region auf Verstrahlung überprüft, damit die Bewohner eine Entschädigung bekommen können. Im Internet hat sie vor kurzem gelesen, dass es in Deutschland eine Behandlungsmöglichkeit für ihre Tochter geben könnte. Sie bittet Professor Heyo Eckel von der niedersächsischen Landesstiftung bei seinem Besuch in der Klinik um Hilfe. Der sichert ihr zu, sich in Deutschland zu erkundigen. Er will alles tun, um ihr zu helfen.
Bei allen diesen Fällen ist eine direkte Verbindung zu Tschernobyl wissenschaftlich sehr schwer nachweisbar. Das sagen die Ärzte. Das sagen die Wissenschaftler. Doch eines ist klar: Vor Tschernobyl waren die Krebsraten in der Ukraine und in Weißrussland in etwa vergleichbar mit denen in Westeuropa. Nach der Katastrophe waren sie um ein Vielfaches höher.